Hallo, ich bin Julia.
„Langeweile kann jeder.“ Diesen Satz habe ich mir irgendwann halb im Scherz zum Motto gemacht. Denn unser Weg zueinander und zu unseren Kindern war alles, nur nicht langweilig. Er führte über eine Krebsdiagnose, einen Hausbau in Eigenregie, eine viel zu frühe Geburt und einen Abschied, den kein Mensch je erleben möchte. Und er führte zu einem kleinen Jungen, der uns jeden Tag zeigt, was Kämpfen wirklich heißt.
Kinderwunsch ab 2020, nachdem ihr Mann den Krebs überstanden hatte
Schweres Spermiogramm nach der Chemotherapie, später eine Gerinnungsstörung und ein Mikrobiom aus dem Gleichgewicht
Zwei ICSI-Behandlungen und mehrere Kryotransfers, ab dem Transfer mit Heparin
Sohn Jonah, ein echter Kämpfer. Und ein Regenbogenmädchen, erwartet im November
23. Schwangerschaftswoche mit dem Regenbogenmädchen
Julia erzählt hier ihren Weg: von der Krebsdiagnose ihres Mannes über die viel zu frühe Geburt der Zwillinge bis zu dem Regenbogenmädchen, das jetzt unterwegs ist.
Im Januar 2017 bin ich mit meinem heutigen Mann zusammengekommen. Wir haben uns beim Sport kennengelernt und ihn auch gerne zusammen gemacht. Ich steckte damals in einer Zwischenphase: Bei der Polizei war ich durch eine Prüfung gefallen und gekündigt worden, hatte eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester begonnen und mich zugleich erneut bei der Polizei beworben, meinem eigentlichen Traum, auch wenn so ein Bewerbungsverfahren immer ein ganzes Jahr dauert. Als ich im September 2017 bei der Bundespolizei anfing, musste ich in einer Art Kaserne leben. Nach nur neun Monaten Beziehung führten wir plötzlich eine Fern- und Wochenendbeziehung. Das klappte erstaunlich gut, und mehr aus Zufall entschieden wir uns schon im November, zusammen ein Haus zu bauen.
Die Planung lief auf Hochtouren und der Baubeginn stand kurz bevor, als im Mai 2018 bei meinem damals 30 Jahre alten Partner Krebs festgestellt wurde. Er musste eine sehr starke Chemotherapie über sich ergehen lassen. Weil so eine Therapie die Fruchtbarkeit beeinträchtigen kann, haben wir vor ihrem Beginn noch Spermien einfrieren lassen, um auf Nummer sicher zu gehen. So sicher, wie es da noch möglich war: Die Qualität war schon miserabel, vermutlich weil der Körper von der enormen Größe des Tumors so geschwächt war, dass er die Fortpflanzung erst einmal hintangestellt hat.
Nun begann ein sehr schwerer Weg. Ich steckte mitten in den Zwischenprüfungen, mein Freund 120 Kilometer entfernt in der Chemotherapie. Ich habe mich viel krankschreiben lassen und war jede freie Minute bei ihm. Ich fuhr nur zu den Prüfungen, schrieb auf, was ich konnte, und fuhr sofort wieder zu ihm. Von morgens bis abends saß ich an seinem Bett und flehte bei jedem Löffel, dass er isst, um nicht künstlich ernährt zu werden. Im Oktober 2018 war die Chemo mit sehr gutem Erfolg beendet. Eine empfohlene Operation lehnten wir ab und taten nebenbei sehr viel für seine Besserung. Die Ärztin hielt uns für verrückt und prophezeite, er habe nur noch wenige Wochen zu leben. Sechs Jahre später ist er kerngesund und lebt immer noch.
Noch geschwächt von der Therapie ging der Hausbau weiter. Im Dezember starteten die Erdarbeiten, im Juni zogen wir in einen halben Rohbau ein und machten den Innenausbau komplett selbst, neben Job, Ausbildung und Heilung. Im August 2019 bekam ich im Urlaub einen Heiratsantrag. Natürlich sagte ich Ja. Im März 2020 schloss ich meine Ausbildung ab und konnte endlich wieder ganz zu Hause leben. Im Mai 2020 heirateten wir und beschlossen, es nun einfach darauf ankommen zu lassen. Als Deadline setzten wir uns sechs Monate, weil wir die Belastung nach jedem negativen Monat nicht unnötig in die Länge ziehen wollten.

Im Mai 2020 gaben sie sich das Ja-Wort.
Im November war ich noch nicht schwanger, also ließen wir ein Spermiogramm machen. Das Ergebnis war ernüchternd: „0, nix", könnte man sagen. Im Februar 2021 starteten wir unsere erste ICSI. Bei mir war alles in bester Ordnung, ich war ja erst 26, mein Mann inzwischen 33. Es kamen 21 Eizellen zusammen und 12 konnten befruchtet werden. Trotz einer enormen Überstimulation ließ ich mir noch im selben Zyklus zwei davon einsetzen. Wenige Tage später träumte ich, dass ich schwanger bin. Und tatsächlich war ich es. In einem weiteren Traum wurden es Zwillinge, ein Junge und ein Mädchen. Ich schlug meinem Mann sofort die Namen Jonah und Josie vor, und er willigte ein, falls mein absurder Traum wahr würde.

Zwei Herzen auf dem Ultraschall: Jonah und Josie.
Im August kamen unsere beiden Wunder in der 24+1 SSW auf die Welt, nach einer stillen Muttermundöffnung und vorzeitigen Wehen. Was für ein Schock. So winzig und zerbrechlich, das war alles so falsch. Sollte nicht langsam das Glück einkehren und Ruhe in unser Leben kommen?

So klein, so zerbrechlich und so unendlich geliebt.
Unsere Tochter wurde nur zehn Tage alt. Jonah musste von da an alleine kämpfen, aber mit dem größten Schutzengel, den man sich nur wünschen kann.
Eine sehr lange und schwere Zeit stand uns bevor, denn unser Sohn nahm fast jede Komplikation mit, die es auf dem Weg gab. Wir waren fast ein halbes Jahr fast ununterbrochen im Krankenhaus, und er musste viele Operationen über sich ergehen lassen. Heute ist er fast drei Jahre alt, kann weder frei sitzen noch sich allein fortbewegen und ist trotzdem der glücklichste kleine Kerl. Achtzehn Operationen hat er bisher überstanden, und er wurde dabei immer stärker. Wir haben ihm von Anfang an gesagt: Wenn du kämpfen willst, sind wir immer an deiner Seite. Und wenn du nicht mehr kannst und zu Josie gehen möchtest, verstehen wir das und begleiten dich auch auf diesem Weg. Egal wie du dich entscheidest, wir sind immer für dich da.

Zu dritt, und immer zu viert im Herzen.
Ende 2022 entschieden wir uns, für Jonah ein Geschwisterchen auf den Weg zu bringen. Wir hatten noch eingefrorene befruchtete Eizellen und konnten sofort starten. Der erste Versuch im November 2022 war negativ, der zweite im Januar 2023 ebenso. Danach hatten wir keine eingefrorenen Eizellen mehr und brauchten Zeit, uns mit einer neuen ICSI anzufreunden. Im September 2023 war es so weit: Bei deutlich niedrigerer Stimulation kamen 24 Eizellen zusammen, wieder wurden zwölf befruchtet. Wir ließen bewusst nur eine einsetzen, negativ. Im November folgte ein Kryotransfer, wieder negativ. Vier Versuche, viermal nichts.
Weil bei der ersten ICSI der allererste Versuch sofort mit Zwillingen geklappt hatte und nun vier Versuche gescheitert waren, ging es an die Diagnostik. Eine Gebärmutterspiegelung mit Bestimmung des Mikrobioms und eine Gerinnungsdiagnostik. Beides war auffällig: Ich habe eine Gerinnungsstörung, und mein Mikrobiom war völlig aus dem Gleichgewicht, vermutlich noch vom Kaiserschnitt. Die Gerinnungsstörung kann übrigens auch ein Grund für die Frühgeburt gewesen sein, für die sich sonst nie eine Ursache fand. Von da an musste ich ab dem Tag des Einsetzens Heparin spritzen.
Im März 2024 wurde mir unsere einzige übrig gebliebene Eizelle eingesetzt, die bis dahin zweimal eingefroren und wieder aufgetaut worden war. Ich hatte jede Hoffnung verloren, das könne doch keine Eizelle überleben. Mit meinem Sohn fuhr ich zu einer Therapie in den Norden, im Gepäck alles für den Tag, an dem meine Periode kommen würde. Sie kam nicht. Stattdessen taten mir die Brüste weh, ich machte einen Test, und er war tatsächlich positiv. Am Wochenende überraschten wir meinen Mann, seine Freude war riesig. Aktuell bin ich in der 23. Woche und wir erwarten im November unser Regenbogenmädchen. Erst später fiel mir auf: Bei der ersten ICSI wurden mir die Zwillinge am 9. März 2021 eingesetzt, dieses Mal war es der 9. März 2024. Zufall, oder sollte es genau so sein?

Das erste Ultraschallbild des Regenbogenmädchens.
SSW, als die Zwillinge kamen
Operationen, die Jonah überstanden hat
ICSI-Behandlungen
Anläufe, bis das zweite Wunder kam
zweimal ihr Glückstag: 2021 und 2024
Regenbogen, unterwegs
Bei Julia und ihrem Mann kam einiges zusammen: ein Spermiogramm, das nach der Chemotherapie kaum noch Werte zeigte, eine Gerinnungsstörung und ein Mikrobiom aus dem Gleichgewicht. Was hinter diesen Begriffen steckt, hier ganz ohne Fachlatein.
Eine Chemotherapie kann die Spermienbildung stark schädigen, manchmal dauerhaft. Vor der Behandlung lassen sich deshalb Spermien einfrieren, um später eine künstliche Befruchtung zu ermöglichen. Ist die Qualität schon durch die Erkrankung geschwächt, ist jede eingefrorene Probe besonders kostbar.
Vor der Chemo wurden Spermien eingefroren, die Qualität war da schon miserabel. Ein späteres Spermiogramm brachte es auf den Punkt: „0, nix.“
Bei einer Gerinnungsstörung neigt das Blut dazu, zu leicht Gerinnsel zu bilden. In der Gebärmutter kann das die Durchblutung stören, sodass sich ein Embryo schlechter einnistet oder eine Schwangerschaft früher endet. Blutverdünnende Spritzen mit Heparin ab dem Transfertag können hier helfen.
Erst nach vier negativen Transfers kam die Gerinnungsstörung ans Licht. Sie kann auch die Frühgeburt erklären, für die sich sonst nie ein Grund fand. Seitdem spritzt Julia ab dem Transfertag Heparin.
Das Mikrobiom der Gebärmutter ist die Gemeinschaft nützlicher Bakterien, die die Schleimhaut besiedeln. Ist es aus dem Gleichgewicht, kann die Einnistung erschwert sein. Eingriffe wie ein Kaiserschnitt bringen es manchmal durcheinander; gezielt aufbauen lässt es sich aber wieder.
Auch Julias Mikrobiom war völlig aus dem Gleichgewicht, vermutlich noch vom Kaiserschnitt. Zusammen mit der Gerinnungsstörung erklärte das die vielen negativen Versuche.
Jonah ist heute fast drei Jahre alt. Er kann noch nicht frei sitzen und sich nicht allein fortbewegen, und trotzdem ist er der glücklichste kleine Kerl, den man sich denken kann. Josie ist sein Schutzengel, jeden einzelnen Tag.
Aktuell bin ich in der 23. Woche und wir erwarten im November unser Regenbogenmädchen. Ich bin unendlich glücklich und dankbar.
Er hat niemals den Kopf in den Sand gesteckt, ganz im Gegenteil, er ist immer stärker geworden.
Vor der Chemotherapie ließ Julias Mann Spermien einfrieren, obwohl die Qualität schon angeschlagen war. Genau diese Proben haben später ihre Kinder möglich gemacht. Wer eine Behandlung vor sich hat, sollte das Thema Fruchtbarkeit früh ansprechen.
Erst nach vier gescheiterten Transfers wurde bei Julia eine Gerinnungsstörung gefunden, die sogar die Frühgeburt erklären könnte. Wenn Versuche ohne klaren Grund misslingen, lohnt der Blick auf Gerinnung und Mikrobiom.
Julias jüngstes Wunder wuchs aus der allerletzten befruchteten Eizelle, die zweimal eingefroren und wieder aufgetaut worden war. Sie hatte die Hoffnung längst aufgegeben. Manchmal genügt genau dieser eine Rest.
Zwischen Krebs, einem Abschied und vier negativen Versuchen hätte es tausend Gründe zum Aufhören gegeben. Julia und ihre Familie haben immer weitergemacht und wurden dafür reich beschenkt.
Ob Mut, Frage oder einfach ein Gruß: Julia freut sich über deine Postkarte und meldet sich, wenn du magst.
An: Julia
Kinderwunsch-Kämpferin
Mama von Jonah, für immer auch von Josie

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Kinderwunsch-Kämpferin
Mit einem Ullrich-Turner-Syndrom von Geburt an unfruchtbar. Über eine Eizellspende in Prag kam ihre Tochter Elea, im ersten Versuch.

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Kinderwunsch-Kämpferin
Seit 2024 unterwegs, als lesbisches Paar von Anfang an mit Klinik und Samenbank. Dazu die Endometriose, die Janine seit 2012 begleitet. Jetzt steht die nächste Insemination an.
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